Prosa

Dem Himmel fern sind wir nur dann, 
wenn wir vergessen, die Hölle in uns zu löschen ...

Gebr0chen und geschliffen

Er hatte eigentlich immer gedacht, dass es ihm egal ist, aber im Laufe der Zeit hatte er gemerkt, dass es doch anders war. Gleichgültig war es ihm nun wirklich nicht, was ihm geschehen war, auch wenn er nichts ändern konnte. 

Lange war er schon hier und sehr lange war es her, dass man ihn gebrochen, beschnitten, geschliffen und poliert hatte. Als das geschah hatte er noch gedacht, wie wunderbar, man macht aus mir etwas Anderes als das Einfache, was ich bisher bin! Man macht aus mir etwas Besonderes, etwas mir noch Unbekanntes, etwas Großartiges, etwas Neues und ganz Einzigartiges. Ja, das war lange her und wie war es wirklich gekommen?

Damals, als es passierte, stand ihm die Welt, so hatte er gedacht, offen, denn dort wo er herkam wanderte man aus. Weit ging es übers Land, in die Ferne, über die See in neue Gefilde. Viel wurde damals darüber gesprochen, was alles aus einem werden konnte, welche Möglichkeiten offen standen bis in die höchsten Kreise vorzudringen, einen Platz zu finden, vielleicht an der Sonne, vielleicht aber auch an einem ganz besonderen, einem geschützten Ort, an dem man nicht so sehr den äußeren Umständen ausgesetzt ist, an dem man nicht schnell alter und beschützt wird. 

     Nun, das war lange her, dachte er wehmütig. Er hatte schon seit langem seinen Platz hier.

     Zuerst war es ja schön. Grandioser hätte die Stelle nicht sein können, an die es ihn verschlagen hatte. Aber dann merkte er im Laufe der Zeit doch, dass das, was er hier erleben konnte, eintönig war. Immer wieder das Gleiche. Tausende von Menschen wöchentlich, denen er kurz begegnete. Immer wieder die gleichen Rituale, immer wieder die gleichen Weisen, endlos, weit und leer. Und dann die Nächte. Ohne Wärme, ohne zärtliche Berührungen und ohne ein Streicheln, wie es ihm vielleicht geschehen wäre, wenn er an einen intimeren Ort gekommen wäre - als hier her. 

            Ja, es war schwer. Aber er hatte seine Aufgabe. Er hatte etwas zu halten, ein Versprechen, etwas ganz Besonderes und das hatte ihn getröstet in all den einsamen Stunden. 

            Oft hatte er sich gefragt was wohl aus ihm hätte werden können, wenn er woanders hingekommen wäre, oder eine andere Form - einen anderen Schliff - bekommen hätte. Wäre dann alles anders als heute? Hätte er etwas anderes als diese sich hinschleppende Sinnentleerung gefühlt?

     Er stöhnte leise. Nein, egal war ihm sein Leben nicht; im Gegenteil! 

     Irgendetwas fehlt! Irgendetwas, das mir meine wahre Bestimmung gibt. Gut, ich trage schwer, und doch ist es zu leicht, was man mir aufgeladen hat. Ich könnte größeres stützen, mehr, etwas Gewichtigeres, etwas Wichtigeres!

     War es wirklich seine Bestimmung hier zu sein? Oder hätte er woanders hinkommen können, eine andere Form haben können? War er wirklich ein wichtiger Baustein und hatte er wirklich seinen richtigen Platz in der Schöpfung, hier, an diesem Ort?

            Er dachte und dachte und es dauerte und dauerte, seine Erinnerung schwand und er verlor sich in der Endlosigkeit der Vergangenheit, als eines Tages etwas Seltsames geschah. 

            Erst hatte er sie gar nicht bemerkt, die junge Frau, als sie auf ihn zukam. Zielstrebig ging sie. Er traute seinen Augen kaum, sie kam dichter und dichter, dann verlangsamte sie ihren Schritt. Ganz sanft näherte sie sich ihm. Dann berührte sie ihn mit einer warmen Hand, die zärtlich über seine Außenseite strich. Liebevoll sah sie ihn an. 

„Na, Du weißer Stein, Du weiser Stein?“ sagte sie, „Erzähl mir, wo Du herkommst? 

Aus Carrara ... Ach, wie geht es Dir hier im Süden? Wann haben Sie Dich denn gebrochen und geschliffen?      

Was? Du hattest Deinen festen Platz und hättest für ewig einen Berg halten können, im Kreise Deiner Lieben? Du bist schon seit Jahrhunderten hier, einer unter vielen, um hier ein Bauwerk, groß wie ein Berg, doch im Inneren wie Du, gebrochen, geschliffen und poliert, zusammen zu halten? War das denn Deine wirkliche Bestimmung ... 

Ach, Du wärst lieber wieder in Carrara, an Deinem Platz, um selbst ein Berg zu sein?“

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